Tipps

Referenzen, Kapazitäten und Planung hinterfragen

Die Entwicklung eines Wohnprojekts ist ein dynamischer Prozess. Konzepte, Ideen, Zeitplanungen sind irgendwann von der Wirklichkeit überholt. Bei Beginn jeder neuen Phase solltet man prüfen, passen Zeitplan und Ideen des Konzepts noch und ggf. schnell nachsteuern.

Bei Partner*innen, die uns am Anfang vielversprechend erschienen, stellten sich im Projektverlauf gravierende Defizite heraus. Vor einer Zusammenarbeit solltet ihr die Referenzen der Projektpartner in allen wichtigen Teilbereichen prüfen. Architekt*innen, die schöne Entwürfe machen, müssen z.B. nicht unbedingt die perfekten Ausführungsplaner sein – von der Bauleitung ganz zu schweigen. Gerade bei Wohnprojekten ist es wichtig, dass die Architekt*innen auch Kommunikator*innen sind. Sie sollten die Fähigkeit haben, ihren Gestaltungswillen in den Dienst der Gruppe und des Projekts zu stellen. Sie müssen bereit sein, viel „für Tonne zu arbeiten“, da sich der Wille der Gruppe genauso dynamisch entwickelt, wie das Projekt selbst. Das können die Planer*innen steuern, wenn sie am Anfang die richtigen Fragen stellen und in Workshops herausfinden, was die Gruppe will und das Projekt erfordert. Da braucht es engagierte Partner*innen, die zum Projekt passen und die auch personell und fachlich die nötigen Kapazitäten haben. Wenn es die Möglichkeit gibt, sollte man sich ein Büro in einem mehrstufigen Auswahlprozess heraussuchen.


Eigene Kompetenzen entwickeln

Neben einer Arbeitsgruppe für Planung und Bau und dem (bei uns ehrenamtlichen) Vorstand, der neben dem Bau auch die Finanzierung und alle anderen Aspekte des Gesamtprojekts im Blick haben muss, macht es durchaus Sinn, für die gesamte Planungs- und Bauphase mindestens eine/n hauptamtliche/n Bauherrenvertreter/in zu bestellen, die/der das Projekt gut kennt, die Ziele und das Konzept im Blick behält, das Gesamtprojekt überblickt, an allen Kommunikationsprozessen der Projektbeteiligten angeschlossen ist, im Notfall schnell Entscheidungen in Abstimmung mit dem Vorstand und den entsprechenden Arbeitsgruppen treffen kann und die Interessen der Bauherrenschaft gegenüber den Planern und Bauausführenden vertritt.


Individualität versus Baukosten

Jede/r möchte ihren/seinen Traum vom Wohnen in einem Wohnprojekt verwirklichen. Die Wohnung soll möglichst genau den eigenen Wünschen entsprechen. Aber: Lebensumstände ändern sich, Menschen wechseln und schon hat man eine sehr individuell geplante Wohnung ohne Bewohner*innen, die sich schlecht vergeben lässt. Hier ist es besser, für verschiedene eng umrissene Zielgruppen mit Weitblick zu planen und auf individuelle Wünsche weitestgehend zu verzichten, sofern diese nicht auch für Andere attraktiv sind. Das hilft auch, den Planungsaufwand und die Baukosten im Griff zu behalten.
Auf alle Fälle gilt: Hände weg von nachträglichen Änderungen während der Ausführungsplanung oder gar der Bauausführung! Dann lieber vorher ein halbes Jahr mehr in den Entwurf stecken.


Professionelles Erscheinungsbild

Bei großen Wohnprojekten mit anfänglich kleiner Kerngruppe, wie wir es waren, ist am Anfang die Öffentlichkeitsarbeit das A und O, um schnell Mitstreiter*innen und Investor*innen zu gewinnen. Hier hilft ein professionell gestaltetes Erscheinungsbild in Website, Briefkopf, Faltblättern und Plakaten. Professionalität sorgt hier für das nötige Vertrauen in die Verlässlich und Machbarkeit des Projekts. Weil wir das am Anfang nicht auf dem Schirm hatten, haben wir im besonders kritischen Anhandgabejahr ein bis zwei Monate in der Mitgliederwerbung „verloren“. Für uns war das am Ende nicht kritisch, aber man sollte diesen Punkt nicht unterschätzen.


Schwarm-Intelligenz der Gruppe nutzen

In der Startphase, wenn das Projekt noch in den Kinderschuhe steckt, kann man viel gestalten, kann auf viele vieles Einfluss nehmen. Meist fehlt hier allerdings noch die Dynamik. Bei uns war das die Phase, in der Einzelne sehr viel Energie investierten, um das Projekt voranzutreiben. Wenn das Projekt dann wächst, mehr und mehr Akteur*innen dazu kommen, laufen die Dinge dann vielleicht nicht mehr so, wie man es sich anfangs erträumt hat. Das Projekt gewinnt an Eigendynamik. Hier muss man als Einzelne/r zurückstecken lernen. „Loslassen“ ist das Gebot der Stunde und das Vertrauen in die „Schwarm-Intelligenz“ der ganzen Gruppe.


„Der Teufel ist ein Eichhörnchen.“

Ein Wohnprojekt zu starten braucht Zeit, Energie und eine gehörige Portion Frustrationstoleranz. Anfänglich hatten wir teilweise 4-5 Besprechungen in der Woche in den unterschiedlichsten Konstellationen: Interessiertentreffen, Infoabende, AG-Treffen, Vorstandstreffen, Steuerungsrunden, Workshops und und und. Da blieben natürlich andere Dinge auf der Strecke: der Job, die Familie, die Hobbys.  Irgendwann ist dann nur noch Durchhalten angesagt. Du läufst buchstäblich auf dem Zahnfleisch, könntest ein Jahrhundert lang schlafen. Aber das Projekt ist fast am Ziel – denkst Du. Und dann kommt wie ein Eichhörnchen das nächste Problem um die Ecke gesprungen. Wenn der Bau dann endlich geschafft ist, fühlt es sich gut an. Und dann geht die Gemeinschaftsarbeit erst richtig los… Ein Wohnprojekt zu gründen, erinnert nicht nur entfernt an einen Marathonlauf – es ist ein Marathon.


–> weiterlesen: Die Zusammenarbeit mit Politik und Stadt