Buntes Leben in der Ro70

Wenn man in diesen Tagen durch das Torhaus in die Ro70 tritt, öffnet sich ein buntes Bild. Aus der Baustelle ist ein Ort zum Leben geworden. Auf den Balkons sind lauschige Plätze entstanden mit Tischen und Stühlen, Kästen mit Kräutern und Blumen, Lichterketten und Sonnenschirmen. Im Hausgarten werden die Pflanzen gewässert, die seit der gemeinsamen Pflanzaktion im März schon prächtig gewachsen sind. Dutzende Fahrräder lehnen an den Ständern überall im Hof. Aus offenen Fenstern dringen Gesprächsfetzen und Musik. Im Ostflügel ziehen gerade zwei Familien ein. Die Umzugswagen gehören dieser Tage zum Bild.

Vor dem Westflügel spielen Kinder, malen mit Kreide Hüpfkästchen und ein riesiges Pferd. Die Kleinsten buddeln im provisorischen Sandkasten, der schon mal für’s Kleckerburgenbauen herhalten muss, bis später im Jahr die richtigen Spielplätze gebaut sind. Die Mama von Otto, der stolz erzählt, dass er bald 2 Jahre alt ist, drückt eine tägliche Erfahrung in seinen Worten aus: „Ich komme immer mit Mama aus der Krippe und gleich sehe ich meine vielen Nachbarn. Manchmal sind es Kinder, mit denen ich schön spielen kann, manchmal neue Omas und Opas, die sehr lieb zu mir sind. Hier ist sehr viel Platz. Ich darf buddeln, klettern, rollen, rennen… wenn es regnet darf ich in Pfützen springen! Mit meinem Hund Lego gehe ich auch oft raus und er magt die vielen grünen Flächen, die bei uns gibt.“

Schaut man in die Gesichter der Menschen, dann sieht man vor allem anderen Freude. Freude darüber, endlich den Traum vom Gemeinsam-Zuhause-Sein zu verwirklichen. Ein Wohlfühl-Gefühl liegt in der Luft. Stephan, ein junger Vater drückt es für sich so aus: „Wenn ich in der Ro70 unterwegs bin, fühlt sich das meist wie Urlaub an.“ Und Jürgen, der schon an vielen Orten zuhause war, schreibt im Ro70-internen Forum: „Ich bin gerade in der Ferne und spüre Heimweh. Gerade wäre ich gerne unter euch in der Ro70.“ Und er wundert sich: „Heimweh – das hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr nach einem Ort!“

Woran das liegt? Sicher auch daran, dass ein Miteinander hier ein Einander-Helfen meint. Diana, die gerade ihr erstes Kind erwartet, erzählt: „Heute morgen war eine liebe Nachbarin bei mir, um mir den Putzdienst abzunehmen, da es im Moment in den Hausfluren wegen irgendwelcher Verfugung ziemlich stinkt. Das wäre ja nichts für eine Schwangere. Ich erlebe viel Miteinander und so einige sehr engagierte Menschen, die sich z.B. jeden Tag liebevoll um die Pflanzen kümmern.“ Sich umeinander und um das gemeinsame Zuhause kümmern, dazu braucht es Austausch. Klar, in der Ro70 reden die Nachbarn miteinander, kennen sich. Für alles, was alle angeht, gibt es Infotafeln, in jedem Hauseingang eine und eine große unterm Torbogen. So sind alle im Bilde, was aktuell so ansteht.

Neben dem Gemeinsam-Anpacken ist auch wichtig, dass man sich in der Ro70 schon jetzt so richtig wohlfühlen kann. Noch ist der Park in der Mitte eine mittlere Wildnis, der große Garten noch nur ein Traum, aber es gibt schöne Plätze, die sich für manch eine/n schon so richtig gut anfühlen. Roland hat seinen momentanen Lieblingsplatz unter den Pappeln ganz im Süden des weitläufigen Geländes gefunden und schwärmt: „Die untergehende Sonne über dem roten, westlich gelegenen Industriegelände scheint mir durch die Pappelblätter ins Gesicht. Käfer, Fliegen und andere Insekten tummeln sich im Sonnenlicht. Über mir in einer Linde sind Bienen im emsigen Tun und ein Specht hämmert sich sein Abendmahl aus einem Baum. Menschen treffen sich vor den Hauseingängen, winken mir zu. Ja, dafür bin ich hierher gekommen. Das ist, was ich suche, wovon ich mehr möchte!“

Wenn bald alle Wohnungen in allen drei Häusern bezogen sind, werden gut 180 Menschen hier zusammenwohnen, unter ihnen über 40 Kinder. Gabi, Kunstlehrerin im (Un-)Ruhestand beschreibt das auf ihre ganz eigene Weise: „Bilder in Pastelltönen, die ineinander fließen sind schön, man kann sich in sie fallen lassen, die Stimmung wirken und die Seele baumeln lassen. Ich mag und brauche aber auch die Bilder z. B. der Expressionisten mit Ecken und Kanten und starken Kontrasten. In ihnen finde ich Spannung und Kraft und Neuentdecken, Vorwärtsdenken. Und dann gibt es noch ganz viele Arten von Kunst: Erzählende, Träumende, Spielende, … Das alles können wir auch im Zusammenleben von so herrlich unterschiedlichen Menschen finden, wenn wir uns achtsam darauf einlassen, was wir im übrigen schon zum großen Teil tun.“