Mit Genossenschaften die Zukunft der Stadt gestalten

„Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“. So formulierte es vor über 150 Jahren Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der als Begründer der Genossenschaftsbewegung gilt. Dieser Gedanke prägte auch die Veranstaltung im Klima-Pavillon, zu der am 14. August vier junge Weimarer Genossenschaften eingeladen hatten. „Genussvoll leben und verantwortlich wirtschaften“ – das Motto des Abends umreißt anschaulich, worum es den bürgerschaftlich Engagierten der Stadt geht.

Im gut gefüllten Kuppelzelt stellten die VertreterInnen der Genossenschaften deren engagierte Ziele vor.

  • Die Energiegenossenschaft Ilmtal e.G., ehemals Energie in Bürgerhand Weimar eG und Energiegenossenschaft Rittersdorf eG, ist stolz darauf, mittlerweile die größte operative Bürgerenergiegenossenschaft in Thüringen zu sein. Ressourcenschonende Energieerzeugung und Stromversorgung zu bezahlbaren Preisen ist ihr Metier.
  • Ökologische Lebensmittelerzeugung und bewussten Konsum bringt die Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft eG zusammen. Die Erzeuger kommen aus dem Weimarer Umland und der Region. Ihre Produkte werden in den beiden Bio-Läden der Genossenschaft Kirschberg und Rosmarin an den Mann und die Frau gebracht.
  • Die Wohnprojekt Ro70 eG wandelt das Gebäudeensemble des ehemaligen Weimarer Hufeland-Klinikums um in ein Zuhause für ein selbstbestimmtes nachbarschaftliches Mehr-Generationen-Wohnprojekt.
  • Auf dem Gelände der alten Wägetechnik stehen ein Pförtnerhaus und 4 große Hallen aus den 1960er Jahren, die in viele kleine Gewerbeeinheiten geteilt werden, damit in Zukunft Künstler und Kulturschaffende, Handwerker, Büros und Kleinbetriebe, Gärtner und Gastronomen hier in bezahlbaren Gewerberäumen angesiedelt werden können. Die ProjektWerk eG kümmert sich um die Entwicklung dieses Vorhabens.

Insgesamt haben alle vier Genossenschaften zusammen etwa 1.500 Mitglieder. Menschen aller Alters-, Einkommens- und Berufsgruppen – überwiegend aus Weimar – arbeiten mit daran, die gemeinsam abgesteckten Ziele in gelebte Alternativen umzusetzen. Soziales und ökologisches Handeln und Wirtschaften, Ressourcen-, Klima- und Naturschutz sind im genossenschaftlichen Engagement eng verbunden mit Demokratieförderung und der Stärkung einer solidarischen Gemeinschaft. Damit befinden sich die Weimarer Genossenschaften in guter Gesellschaft.

Weltweit sind fast 1 Milliarde Menschen in Genossenschaften zusammengeschlossen. Ihre Dachorganisation, die International Co-operative Alliance (ICA) beschreibt als grundlegende Ausrichtung die Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichheit, Billigkeit und Solidarität. In Tradition ihrer Gründer vertrauen überall in der Welt Genossenschaftsmitglieder auf ethische Werte wie Ehrlichkeit, Offenheit, Sozialverantwortlichkeit und Interesse an anderen Menschen. Damit leisten sie einen unschätzbaren Beitrag für eine gute Zukunft unserer Gesellschaften.

„Nur wütend darüber zu sein, was alles nicht gut ist in unserer Welt, führt in eine Sackgasse. Eigeninitiative ist der Weg. Selber machen hilft.“ Gastredener Rolf Novy-Huy, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung trias machte diese Erfahrung immer wieder, seit die gemeinnützige Stiftung für Boden, Ökologie und Wohnen Projekte überall in Deutschland unterstützt. Er rief die Entscheider in der Kommunalpolitik eindringlich dazu auf, zivilgesellschaftlichem Engagement mehr Raum zu geben und die nötigen Rahmenbedingen dafür zu schaffen. So sollten städtische Grundstücke nicht meistbietend verkauft, sondern an die besten Konzepte vergeben werden. „Wir müssen künftig unsere verbliebenen Flächen klug nutzen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.“ Nicht nur Wohnen, sondern inklusives Wohnen mit Einbeziehung von Pflegemöglichkeiten. Nicht nur kaufen, sondern nachhaltiges Wirtschaften. Nicht nur Strom herstellen, sondern klimaverträglich handeln. „Hier haben bürgerschaftliche Initiativen eindeutig mehr Kompetenz als Investoren, die in erster Linie auf kurzfristige Gewinne schauen.“

Eine Diskussionsrunde über die Mehrwerte bürgerschaftlich organisierter Genossenschaften brachte interessante Blickwinkel auf das Thema Zukunft der Stadt und den Anteil, den Genossenschaften daran haben können. Peter Kleine, Weimars Oberbürgermeister, bekannte freimütig, dass er den Initiativen der Stadt anfangs skeptisch gegenüberstand. „Aber jeder Erfolg strahlt aus und macht Schule“, freut er sich heute. Als Stadtoberhaupt wünsche er sich für künftige Projekte, dass sie Idealismus mit Realismus verbinden. „Ich finde es wichtig, dass die Menschen, die etwas ins Leben bringen wollen, nicht nur ideologische Ideen haben, sondern auch fachlich dahinterstehen, nicht nur Geld fordern, sondern eigenverantwortlich sind.“

Da konnten die VertreterInnen der Genossenschaften einiges an Erfahrung vorweisen. Stephan Hempel, Aufsichtsrat des Ro70 Wohnprojekts, ist überzeugt, dass nicht nur vermeintliche Fachleute in Wirtschaft und Politik Kompetenz vorweisen können. „Man wächst mit den gesteckten Zielen. Es braucht Zeit, Engagement und Interesse, dann folgt das Wissen von ganz allein. Ich habe in den letzten Jahren in der Arbeit für die Ro70 für ein ganzes Leben dazugelernt.“ Außerdem sei es eine tolle Erfahrung für ihn gewesen, mit so vielen Menschen zusammen etwas zu bewegen.

Und weil genossenschaftliche Arbeit auch und gerade immer im Zeichen eines guten Miteinanders steht, bildete ein Sommerfest auf dem Platz vor dem Pavillon den schönen Ausklang des informativen Abends. Im Gespräch wurden Gedanken weitergesponnen und wer weiß, vielleicht war der Abend auch Keimzelle neuer Ideen. Weimar kann noch viele solcher Initiativen gebrauchen. Engagement beginnt immer mit dem ersten Schritt.