Es geht auch anders – gelebte Alternativen in Weimar

Initiative ist wichtig! So entstehen „Inseln in der Stadt“, die mit der Zeit zusammenwachsen und immer intensiver ausstrahlen. Das ist das Fazit einer Veranstaltung von „Weimar im Wandel“, die bürgerschaftliche Projekte und Initiativen der Stadt nutzten, um über ihre Erfahrungen zu berichten und Mut zu machen, ähnliches auf die Beine zu stellen.

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Weimar am Mittwoch, 18. Juli 2018. Trotz gefühlten 30 Grad, trotz bestem Bade- und Urlaubswetter ist der Klima-Pavillon auf dem Beethovenplatz gut besucht. Eingeladen hatte Weimar im Wandel, um beispielhaft Projekte vorzustellen, die sich in der Klassikerstadt für einen ökosozialen Wandel engagieren. Ob Wohnprojekte, Urban Gardening oder Solidarische Landwirtschaft, viele dieser Gruppen sind aus der Transition Town Initiative der Goethestadt hervorgegangen. Und obwohl sie alle in verschiedenen Bereichen agieren, eint sie doch ein Ziel: Weimars Wandel hin zu einer nachbarschaftlich organisierten, ökologisch und sozial nachhaltigen Stadt.

Alle vertretenen Initiativen und Gruppen stellten sich vor und diskutierten gemeinsam mit den interessierten Zuhörern. Die brachten mit Zettel und Stift ausgestattet ihre eigenen Antworten auf die Frage ein, was „Gutes Leben in der Stadt“ für sie bedeutet. Neben Wünschen wie „ohne Angst vor dem Morgen leben“, „etwas dafür tun, dass auch meine Kinder und Enkelkinder ein lebenswertes Leben haben“ und „funktionierende soziale Netzwerke sind wichtig“ standen da ganz konkrete Vorstellungen im Mittelpunkt. Lebensmittel? So biologisch und nachhaltig wie möglich! Mobilität? Ohne Auto mit Nahverkehr und Fahrrad alles erreichbar! Konsum? Ohne Berge von Einweggeschirr! Kultur? Teilhabe für alle!

Was meint ökosozialer Wandel überhaupt? Und wie können wir als Stadtgemeinschaft dieses Ziel erreichen? In der Rückschau fanden sich unter der futuristischen Membrankuppel des Klima-Pavillons Antworten, die Mut machen sollen für die Zukunft. Eine der vorgestellten Alternativen war unser Wohnprojekt.

Andreas Ebert erzählte, wie der Samen der Ro70 gelegt wurde. Eine Open-Space-Veranstaltung im Frühjahr 2013 unter dem Motto „Wofür brennst du?“ legte den Grundstein. Ein paar Menschen fanden sich zusammen und begannen, über ihre Vision vom gemeinsamen Wohnen zu sprechen. Schon eine Woche später machte sich eine Initiativgruppe auf die Suche nach einem geeigneten Objekt und entdeckte das im Dornröschenschlaf versunkene alte Weimarer Krankenhaus. Die Geschichte ist hinlänglich bekannt. Erst im zweiten Anlauf hat es geklappt…
Aus dieser ersten Gruppe ist noch ein weiteres Wohnprojekt entstanden: Das Baumhaus-Projekt auf dem Lindenberg, in dem heute 20 Menschen in 8 Wohnungen leben. Interessant, diese beiden Wohnprojekte nebeneinander zu sehen: Hier das Genossenschaftsmodell, dort ein Modell im Mietshäusersyndikat. Andere Konstrukte, ähnliche Themen des Zusammenlebens….

Gabi Bohne, seit Jahren Mitglied der Ro70-Genossenschaft, erzählt begeistert vom Gemeinschaftsgedanken, der sie und die über 100 anderen GenossenschafterInnen verbindet: „Auch wenn wir noch nicht dort wohnen, wir leben die Ro70 schon“. Beispiele dafür gibt es viele. Das Miteinander-Arbeiten in einer der zahlreichen Arbeitsgruppen oder bei den Arbeitseinsätzen auf der Baustelle ist ein wichtiger Teil des Zusammenwachsens. Aber auch die virtuellen Vernetzung, die über das Internet-Forum prima klappt. „Da gibt es eine ungeheure Vielfalt an Erfahrungen, an Berufen, an Fähigkeiten, an Dingen, die getauscht und geliehen werden“, beschreibt es Gabi. „Wenn ich was suche, frage ich erst mal übers Forum nach und oft gibt es postwendend Lösungsideen und hilfreiche Angebote.“

Besieht man sich die Erfolgsgeschichte unseres Wohnprojekts, dann kann daraus ein großer Optimismus erwachsen. Im Schlusswort der rundum gelungen Veranstaltung wurde es nochmal betont: Anfangen ist wichtig. Aus Fehlern oder gar einem ersten Scheitern kann man lernen. „Nicht Ach, sondern: Mach!“


Den tollen musikalischen Rahmen für die Veranstaltung bildete der 7-köpfige Chor „Wiwa la Musica“, der ebenfalls aus Weimar im Wandel hervorgegangen ist. Vermutlich hat der Pavillon zum ersten Mal Chorgesang erlebt. Erstaunlich, wie gut die Akustik für die Singstimmen war. Der kleine Chor kam total gut rüber – es klang nach mehr.